Übertragung von Erlebnissen

Laut Individualpsychologie hat jeder Mensch bewusste und unbewusste Ziele und handelt entsprechend. Darum sind unsere Handlungen und Denkweisen oft mit uns selbst oder einem Ereignis, das wir erlebt haben, verbunden. In diesem Newsletter das Thema Übertragung - ein Blick hinter unsere Kulissen.

«Misstraue deinem Urteil, sobald du darin den Schatten eines persönlichen Motivs entdecken kannst.»

Marie Freifrau von Ebner-Eschenbach

In seinem Buch «Alles ist vergänglich» berichtet der amerikanische Psychoanalytiker, Psychotherapeut, Psychiater und Schriftsteller Irvin Yalom von einer Kollegin, die sich sehr intensiv für einen jungen Mann einsetzt.

Zu intensiv, wie Yalom auffällt. Er kennt die Geschichte dieser Kollegin gut. Ihr Bruder hatte sich ähnlich verhalten wie ihr Ratsuchender. Da sie beim Bruder Versagergefühle hegte, fühlte sie sich – einfach erklärt – für den Ratsuchenden überverantwortlich. Dieses Phänomen nennt man in der Psychoanalyse Übertragung. Ein eigenes Erlebnis wird ohne die nötige Distanz auf eine neue Situation übertragen.

Es hat seine Gründe, wenn wir uns für etwas ganz besonders stark einsetzen. Zum Beispiel prägende Menschen oder Erlebnisse. Interessen werden einem nicht in die Wiege gelegt. Sie entstehen allmählich. Übertragung hat die Gefahr der fehlenden Distanz. Der voreingenommenen Sichtweisen. Zu nahe zu sein kann uns wichtige Kraft kosten.

Aus persönlich Erlebten kann grosser Nutzen entstehen. Wenn die Balance zwischen Verantwortung und Distanz eingehalten wird. Zahlreichen Hilfsorganisationen liegen Geschichten betroffener Menschen zugrunde. Ohne das persönliche Erleben würde letztendlich viel Gutes nicht entstehen.

© Anstubser.ch - wöchentlicher Gedankeninput, Autor: Andreas Räber, zert. GPI®-Coach